Hören Sie sie schon singen?
An der linken Seite der Gottesfigur befindet sich eine Gruppe singende Engel um ein reichlich dekoriertes Lesepult. Sie bilden das Gegenstück zur Orgel auf der anderen Musiktafel. Das Pult zeigt erneut wunderschöne und eindrucksvolle Details. Das Lesepult ist mit einer Skulptur dekoriert, die den Kampf zwischen dem Erzengel Michael und dem Drachen zeigt, was verweist auf das Buch Apokalypse. Auf dem Lesepult befindet sich ein offenes Manuskript. Eine umgebogene Ecke des Buchs zeigt einige Noten: ut [fa] ut [la]. Die Noten sind in Mensuralnotation geschrieben, was typisch für Polyphonie ist.
Obwohl die Sänger im Mittelalter üblicherweise hinter einer gemeinsamen Partitur stehen und singen, schauen sie fast nie auf das Manuskript. Die Sänger kennen die Lieder auswendig und die Partitur ist nur eine Gedächtnisstütze. Welches Lied die Engel genau singen, können Forscher nicht mit Bestimmtheit sagen. Es steht wohl fest, dass van Eyck nicht einfach so einen Mischmasch gemalt hat. Anhand der unterschiedlichen Gesichtsausdrücke und Runzeln können wir sehen, dass die Engel mehrstimmig singen. Außerdem kann aus der Position ihres Munds geschlossen werden, wer welche Stimme singt: Obertongesang, Hautecontre, Tenor oder Bass.
Der Genter Altar ist nicht nur eine wertvolle Quelle für Forscher, aber auch für Musiker aus der ganzen Welt. Obwohl der Altar schon über 500 Jahre alt ist, lassen sich Musiker, Komponisten und Instrumentenbauer heute noch immer vom Meisterwerk von Van Eyck inspirieren. Der Genter Altar ist mehr als nur Welterbe, er ist eine lebendige Ikone, die ständig zu modernen musikalischen Interpretationen anregt.